Regionale Einsatzpotenziale humanoider Robotik
16-09-2025: Wie humanoide Roboter den Fachkräftemangel in Deutschland abfedern können – eine Analyse der Leibniz Universität Hannover.
Der demografische Wandel in Deutschland hinterlässt deutliche Spuren am Arbeitsmarkt. Laut aktuellen Prognosen wird die Fachkräftelücke bis zum Jahr 2027 auf rund 728.000 Arbeitskräfte anwachsen, was einem potenziellen Produktionsverlust von bis zu 74 Milliarden Euro entspricht.
Ein neues Whitepaper der Leibniz Universität Hannover (IMES) beleuchtet nun, wie die nächste Generation der Automatisierung – die humanoide Robotik – diese Lücke füllen könnte.
1. Vielseitigkeit statt Spezialisierung
Der entscheidende Vorteil humanoider Systeme gegenüber klassischer Industrieautomatisierung ist ihre Vielseitigkeit. Während herkömmliche Roboter oft teure Hardwareanpassungen für jede neue Aufgabe benötigen, ist der humanoide Ansatz darauf ausgelegt, in einer für Menschen geschaffenen Umgebung zu agieren:
- Menschenähnliche Hände: Diese ermöglichen es den Robotern, unterschiedlichste Objekte zu greifen und normale Werkzeuge zu bedienen, ohne dass spezifische Umrüstungen nötig sind.
- Flexibilität: Humanoide können als „Springer“ eingesetzt werden – sie können morgens Kontrollgänge machen, mittags Maschinen bestücken und abends Teile kommissionieren.
2. Der Software-Durchbruch: VLAs und Imitation Learning
Dass wir heute überhaupt über einen wirtschaftlichen Einsatz sprechen, liegt maßgeblich an Fortschritten in der KI-Software. Früher erforderte jede Bewegung monatelange Programmierung. Heute etablieren sich neue Methoden:
- Visual Language Action Models (VLAs): Diese Modelle ermöglichen es Robotern, Anweisungen in natürlicher Sprache zu folgen und Aufgaben mit minimalem Training robust zu bewältigen.
- Imitation Learning: Durch Teleoperation (z. B. via VR-Brillen) zeigt ein Mensch dem Roboter einen Bewegungsablauf. Der Roboter lernt daraus eigenständig, erkennt Fehler und korrigiert diese – etwa wenn ein Bauteil falsch positioniert wurde.
3. Marktumfeld: Hardware wird erschwinglich
Die Studie vergleicht aktuelle Systeme hinsichtlich Preis und Leistung. Auffällig ist, dass neben etablierten Playern wie Boston Dynamics oder Agility Robotics zunehmend Startups aus dem asiatischen Raum (z. B. Unitree) den Markt mit günstigeren Plattformen wie dem Unitree G1 aufmischen.
| Roboter-Modell | Preis (ca.) | Freiheitsgrade (FG) | Max. Drehmoment |
|---|---|---|---|
| iCub (Open Source) | 250.000 € | 53 | 48 Nm |
| Digit (Agility Rob.) | 180.000 € | 28 | 230 Nm |
| G1 (Unitree Rob.) | 60.000 € | 43 | 120 Nm |
| H1-2 (Unitree Rob.) | 120.000 € | 31 | 360 Nm |
| [cite: 112] |
4. Hürden und Limitationen
Trotz des Optimismus identifiziert das IMES klare Herausforderungen, die vor einer Massenadoption gelöst werden müssen:
- Sicherheit (Safety): Besonders bipedale (zweibeinige) Roboter sind bauartbedingt instabil. Das Risiko von Stürzen in der Nähe von Menschen erfordert neue Sicherheitsnormen, an denen aktuell gearbeitet wird (z. B. ISO/AWI 25785-1).
- Hardware-Schutz: Aktuell fehlen noch Systeme, die robust genug gegen Staub, Wasser oder extreme Umgebungseinflüsse sind.
- Akzeptanz: Die Integration in bestehende Teams erfordert eine frühzeitige Einbindung des Personals, um psychologische Barrieren abzubauen.
Fazit: Ein Game-Changer für die Industrie
Die Studie macht deutlich, dass humanoide Robotik durch die Fortschritte in künstlicher Intelligenz ein enormes Potenzial erreicht hat. Sie werden klassische Automatisierung nicht ersetzen, aber dort ergänzen, wo Flexibilität und Anpassungsfähigkeit gefragt sind. Unternehmen, die frühzeitig auf diese Technologie setzen, könnten sich langfristig entscheidende Wettbewerbsvorteile sichern.