Humanoide Roboter – Game Changer oder Irrweg?
22-02-2025: Eine Analyse des Fraunhofer IPA über Potenziale, Hürden und die Marktreife humanoider Roboter in der Industrie.
Die Debatte um humanoide Roboter wird oft zwischen euphorischem Hype und skeptischer Ablehnung geführt. Das Fraunhofer IPA hat mit der Studie „Humanoide Roboter: Game Changer oder Irrweg?“ eine fundierte Wissensgrundlage geschaffen, um das reale Einsatzpotenzial in Produktion und Logistik am Standort Deutschland zu bewerten.
Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild: Während das langfristige Marktpotenzial gewaltig ist, stehen der praktischen Anwendung derzeit noch signifikante technologische und regulatorische Hürden im Weg.

1. Der Zeithorizont: Wann kommen die Roboter?
Ein zentrales Ergebnis der Studie betrifft die Erwartungshaltung der Industrie bezüglich der Marktreife. Die Mehrheit der Experten sieht Humanoide noch nicht im unmittelbaren Praxiseinsatz:
- Kurzfristig (nächste 2 Jahre): Nur 6 % der Befragten halten einen industriellen Einsatz für realistisch.
- Mittelfristig (3 bis 10 Jahre): Mit 74 % sieht die große Mehrheit hier das entscheidende Zeitfenster für den Durchbruch.
- Marktvolumen: Schätzungen gehen von einem rasanten Wachstum aus – von etwa 13 Mrd. USD im Jahr 2029 auf bis zu 100 Mrd. USD bis 2035.
2. Einsatzszenarien: Wo liegt der Mehrwert?
Humanoide Roboter sollen vor allem dort punkten, wo Flexibilität gefragt ist und die Umgebung für Menschen optimiert wurde. Die Studie identifiziert folgende Kernbereiche:
- Logistik: Materialtransport und Bereitstellung in der Produktion werden als Top-Szenarien genannt (84 % Zustimmung).
- Produktion: Aufgaben wie Kommissionieren und die Beladung von Maschinen stehen im Fokus.
- Die „Springer“-Rolle: Der größte Vorteil wird darin gesehen, dass Humanoide als flexible Springer vielfältige Aufgaben übernehmen können, statt auf eine einzige Station fixiert zu sein.
3. Die kritischen Hürden
Trotz des Optimismus benennt die Studie klare Defizite, die vor einer breiten Einführung gelöst werden müssen:
- Fehlende Präzision: Ein großer Teil der Befragten sieht Diskrepanzen zwischen den Anforderungen der Industrie und der aktuellen Feinfühligkeit der Roboter-Endeffektoren.
- Sicherheit (Safety): Fast 50 % der Systemintegratoren sehen unklare Sicherheitsstandards als größtes Hindernis. Aktuelle Normen wie die Maschinenrichtlinie decken die speziellen Risiken der humanoiden Robotik noch nicht ausreichend ab.
- Wirtschaftlichkeit: Die Zahlungsbereitschaft der Industrie liegt größtenteils bei einem Zielpreis von unter 100.000 Euro pro Einheit.
4. Handlungsempfehlungen für Unternehmen
Das Autorenteam um Simon Schmidt und Ramez Awad leitet aus den Daten konkrete Schritte ab, um die Technologie zur Marktreife zu führen:
- Sicherheit neu denken: Entwicklung softwarebasierter Sicherheitsfeatures und neuer Normen analog zur ISO TS 15066.
- Feinfühligkeit verbessern: Massive Investitionen in Greiftechnik und taktile Sensorik sind notwendig.
- Einfache Programmierung: Die Komplexität der Steuerung muss drastisch sinken, um auch für Nicht-Experten handhabbar zu sein.
Fazit: Ein Marathon, kein Sprint
Die Studie macht deutlich: Humanoide Roboter sind kein kurzfristiger Trend, sondern eine Technologie mit dem Potenzial, die industrielle Automatisierung grundlegend zu verändern. Der Weg führt weg von spezialisierten Einzweck-Maschinen hin zu universellen Helfern. Damit dieser Weg gelingt, müssen jedoch Forschung, Politik und Industrie bei der Standardisierung und technologischen Reife eng zusammenarbeiten.
Quelle: Fraunhofer IPA Studie: Humanoide Roboter – Game Changer oder Irrweg?